Jul
10

InDesign: GREP-Medizin fürs Apostroph

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indesign_icon_klProblem: Manche Schriften, wie zum Beispiel die Minion Pro, richten das Apostroph ganz fürchterlich zu: Es steht viel, viel zu eng. Die Ignoranz gegenüber dem benötigten Weissraum um das Apostroph herum geht hier so weit, dass ein Apostroph-getrenntes Buchstabenpaar mehr zusammengerückt wird, als wenn es ohne Apostroph gesetzt wird. In manchen Sprachen, die das Apostroph exzessiv einsetzen, wird das zu einem Dauerproblem. Beispiel: das Französische:

apostroph_metrisch

ohne_apostroph

Lösung: Findige InDesign-Anwender erinnern sich in diesem Moment an die «optische» Zeichenausrichtung, die eine (eventuell fehlerhafte oder liederliche) Kerning-Tabelle einer Schrift schachmatt setzt und an ihre Stelle InDesigns eigene Vorstellung von Zeichenzurichtung setzt:

apostroph_minion-pro_optisch_1

Ergebnis, wenn «optisch» auf den gesamten Text angewandt wird:

apostroph_optisch

Nun ist eine durchgehende Anwendung von «optischem» Kerning nicht immer erlaubt. «Optisch» verändert das gesamte Erscheinungsbild einer Schrift (hier gut zu sehen an der insgesamt luftigeren Ausrichtung der Buchstaben) und damit das vereinbarte CD (Corporate Design).

Aber warum nicht einfach nur die betroffenen Zeichen ans «Optische» binden? Im vorliegenden Beispiel ginge es nur um Zeichen mit nachfolgendem Apostroph – und um das Apostroph selbst. Also um ein spezifisches Textmuster. GREP*. GREP-Stil (Absatz- oder Absatzformateigenschaften). Ergebnis: Das «L» und das nachfolgende Apostroph erhalten grössere Abstände, alle anderen Zeichen aber behalten ihre «metrische» Zurichtung bei. Das Ergebnis entspricht 1:1 der (fehlerhaften) Ausgangssituation – nur dass jetzt alleinig die kritischen Zeichenpaare repariert worden sind:

apostroph_GREP

Und so geht’s:

Schritt 1:
Das Zeichenformat für’s «Optische». Mehr als genau dies – Kerning «optisch» – ruft es nicht auf.

apostroph_minion-pro_optisch_3

Schritt 2:
Wir fügen unserem Absatzformat einen GREP-Stil bei, der das neue Zeichenformat auf alle Buchstaben (Kleinbuchstaben oder Gemeine) anwendet:
[lu]
l
= Versalien
|
= oder
u
= Kleinbuchstaben
[ ]
= Zeichengruppe

Schritt 3:
Wir erweitern den GREP-Stil auch auf alle Ziffern:
[lu]|d
|
= oder
d
= Ziffern

Schritt 4:
Wir schränken ein: Zwingend ist, dass ein Apostroph folgt:
[lu](?=’)|d(?=’)
(?=)
= Positives Lookahead

Schritt 5:
Wir ergänzen den GREP-Stil mit der Anweisung, das Zeichenformat auch auf alle Apostrophe anzuwenden.
d(?=’)|[lu](?=’)|’
|
= oder

Schritt 6:
Wir schränken vorsichtshalber dann noch ein: Apostrophe, denen ein Leerschlag vorausgeht, sollen nicht angerührt werden.
d(?=’)|[lu](?=’)|(?<!s)
(?<!) = Negatives Lookbehind
s
= Beliebiger Leerraum

Der GREP-Ausdruck im Bild:

apostroph_GREP-formel

Ein noch überzeugenderes Ergebnis erhalten wir, wenn wir dem verwendeten Zeichenformat statt «optisch» eine veränderte Laufweite mit auf den Weg geben (hier +60):

laufweite

apostroph_laufweite

Unterschiedliche Zeichenkombinationen werden dann allerdings nach jeweils eigenen Zeichenformaten verlangen – und damit nach weiteren GREP-Stilen.

In einem 3. GREP-Beitrag besuchen wir noch einmal die französische Typografie. Wir überlegen uns, wie wir die dort geforderten Riesenabstände zu An- und Abführung, Fragezeichen, Ausrufezeichen oder Semikolon automatisieren können: um dort nicht ständig feste Leerräume (Sechstelgeviert, Viertelgeviert) eingeben zu müssen.

Nachtrag:
Nachfolgend noch zwei Screenshots eines unserer Kunden – vor- und nach Wechsel auf «optisches» Kerning. Deutlich erkennbar: die Korrektur des Apostrophs. Deutlich erkennbar aber auch: die globale Veränderung des Schriftbilds. (Um etwas zu vergrössern bitte Doppelklick.)

Vorher:

vorher

Nachher:

nachher

_______________
* «GREP» ist «Global Regular Expression Print»: Software, die vorhandenen Text überall («global») nach wiederkehrenden Mustern («regular expression») durchsucht und die Fundstellen neu gestaltet ausgibt («print»).

Feedback? Immer gern!

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7 Kommentare

1

Hallo Jochen
… tja Reguläre Ausdrücke sind schon ein Highlight für die CS4, leider aber noch ein Dornröschen …
Eine Ergänzung hätte ich noch anzubringen: 2. Schritt – hier verwendest du keine Pipe (|) als ist diese Zeile überflüssig … Außerdem würde ich das auch nicht mit “oder” betiteln sondern darauf hinweisen, dass man damit eine Werteliste erstellen kann … (“und|und|und| …”
einen lieben Gruß quer durch die Republik
Frank

2

da fällt mir noch was ein:
Beim Verwenden von Französischen Anführungen (», «, ›, ‹) werden diese Apostrophe häufig bereits beim Einladen mitgetoggelt und ein L‹émission sieht nun wirklich nicht gut aus … mit Deinem Script kann man (leicht angepasst) auch danach suchen …
Frank

3

Großartig, wie sich uralte Typotugenden mit neuer Technologie wiederbeleben lassen – danke, dass in Deinem Blog auch solche eher »unmodernen« Aspekte groß rauskommen!

Schöne Grüße aus München,
W.E.

4

Hallo Frank. Was ist eine “Pipe”? Den Begriff kennt InDesign nicht.
“|” ist tatsächlich “oder” im InDesign-Sprachgebrauch (eine der «Entsprechungen»).

Umstellungen («toggeln») auf eine andere Sprache verändert in InDesign das Apostroph nicht. Denn es ist eben nicht, wie InDesign behauptet, das “Gerade einfache Anführungszeichen” (siehe Schrift > Sonderzeichen einfügen > Andere).

Gibt der Word-Anwender gleichwohl ein einfaches Anführungszeichen als Apostroph ein (weil er nicht gelernt hat, wie man Apostrophe tippt), wird das natürlich bei Umwandlung in «typografische Anführungszeichen» (Platzieren-Dialog, Importoptionen) zur Katastrophe.

Deshalb für alle, die hier mitlesen:
Das Apostroph setzt man auf dem Mac nur mit
- D: Alt-Shift+#
- CH: Alt-Shift+¨

Das Apostroph setzt man auf einer Windows-Tastatur nur mit
- D/CH: Alt+0146 (die Ziffern NUR über den Zehnerblock)

Hilfreich für die Windows-Anwender ist dieser Spickzettel:
http://www.fontshop.de/fontblog/C1413545161/E1067737969/index.html

5

Habe an den Schluss des Blogs noch zwei Beispiel-Screens gestellt, die das Vorher und Nachher nach Wechsel auf «optisches» Kerning zeigen.

6

Jetzt habe ich auch wieder den Thread rausgekramt, in dem auf dem Publishing-Forum HilfDirSelbst das Thema «Apostroph» kontrovers, aber erhellend diskutiert worden war:
http://tinyurl.com/mx7prx
Beitrag #6 verweist dort übrigens auf ein kleines Skript, mit dem man die – für das Jahr 2009 leicht grenzwertig anmutende – Windows-Umständlichkeit («Alt+0146» u.Ä.) etwas abmildern kann (in InDesign; in Word empfiehlt sich die Nutzung der «Autokorrektur», über die man – quasi wie bei einem Makro – bestimmte Zeichen(folgen) eingeben kann und damit vordefinierte andere Zeichen(folgen) erhält.

7

Hallo Jochen
“Pipe” ist der Name für das Zeichen “|” und wurde mal in frühen Zeiten für das Umleiten einer Ausgabe vom Bildschirm auf den Drucker verwendet, seitdem verwende ich den Namen des Zeichens so … sorry
Die InDesign-Bezeichnung ist mir schon klar, die Sache mit der Werteliste sehe ich allerdings als Ergänzung an …
Bei eingestellten einfachen Guillemets in den “Voreinstellungen | Wörterbuch” kann es passieren, dass die in Word häufig falsch gesetzten Zeichen (Alt145 statt ALT146) beim Einladen nach InDesign automatisch in einfache Guillemets gewechselt werden, das meinte ich mit “toggeln” …

Als Ergänzung zu dem hilfdirselbst-Thread: das Zeichen -’- wird zum Beispiel bei der Transkription hebräischer Texte verwendet …
Gruß Frank

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