Jan
28

Und der Stein rollt – oder was Apples iPad mit Bob Dylan zu tun hat

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Ich hab’ sie wieder aufgelegt: Bob Dylans 67er-Platte Highway 61 Revisited. Der Opener: Like a Rolling Stone. Keine Hymne an die Band Brian Jones’ und Mick Jaggers: Die fanden nur selbst das Bild des rolling stone, des Kieselsteins, als passend für sich, für eine Generation, was immer. Steine im Flussbett.

Dreimal spielte Apples CEO Steve Jobs in seiner iPad-Keynote Dylans Like A Rolling Stone an: zu Beginn, in der Mitte, am Schluss. Und das wirkte zunehmend wie die Umwertung der Werte. Standen die 68er nicht für Befreiung von Konsumdruck und Bevormundung durch Werbung und Industrie? Der rolling stone war kein Ideal, sondern abschreckendes Beispiel: «Lass Dich nicht treiben.» Das Deutsche sagt «Sei kein Fähnchen im Wind Mitläufer».

Das iPad ist Verkaufsplattform

Doch Apples iPod nahm, als iTunes-Lieferant, mit inzwischen 250 Mio. Käufern den Zubringer zum Konsum-Highway. Das iPhone mit seinen inzwischen 150.000 «Apps» genannten Progrämmchen, die es so bunt und vielseitig machen, fädelte sich auf dem Highway ein: animierte 3 Milliarden Mal zum Kauf eines solchen «Apps». Das iPad aber geht auf die Überholspur und gibt nun richtig Gas.

Es lädt ein: wieder mit iTunes zum Kauf von Musik, wieder mit App Store zum Kauf kleiner und grösserer Anwendungen, nun aber auch mit iBooks zum Kauf digitaler Bücher, und als Zeitungs- und Zeitschriften-Reader für die tägliche Informationsdosis. Erster Partner: die New York Times. Abgewickelt wird das ganze erneut über Kontrakte mit den Big Playern der Kommunikationsidustrie: zum unbegrenzte Download aller Herrlichkeiten dieser Welt. In den USA via AT&T für schlappe $ 29,99 Dollar den Monat.

Die drei iPad-Basis-Softwares unseres digitalen Lebens – Textverarbeitung (Pages), Präsentation (Keynote), Rechenblatt (Numbers) – sind ebenfalls kostenpflichtig. Knapp zehn Bucks pro Stück: das ist fast «geschenkt» angesichts der Tatsache, dass sie irgendeinem Microsoft-Produkt Lichtjahre voraus sind. Wahrscheinlich uneinholbar voraus. Das Bundle der Drei heisst bekanntlich «ich arbeite», iWork. Man kann das auch so übersetzen: Ich funktioniere.

Und der Kern der Botschaft? Der Preis.

Die häufigsten Worte in Apples Präsentation waren zwar «iPad», «amazing» und «easy»: Das wichtigste Wort aber war «the price».

Schon das iPhone war, obwohl auch Gebrauchsgegenstand, vor allem dies: Verkaufsplattform. Auch das iPad wird wieder Menschenwellen in die mittlerweile 284 glitzernden Apple Stores spülen (Jobs: «phenomenal buying experience», 50. Mio. Besucher zählten laut Jobs die Geschäfte allein im letzten Quartal). Aber vor allem das Geschäft mit Musik (iTunes), Literatur (iBooks), Games und Tools (Apps) in neue Höhen schrauben.

Darüber hinaus aber definiert das iPad den Umgang mit den Wort-Medien neu. Es ist ein handheld computer, gewiss. Aber genauso ist es ein handheld Kaufhaus – für Bild, Ton und nunmehr Information.

Insofern passt das Bild vom Kieselstein vielleicht doch: Wenn ihr schon nur Mitläufer seid, dann lasst euch wenigstens auf die bequeme Tour mittreiben. Wenn wir euch schon am Konsum-Wickel haben, dann sorgen wir zumindest dafür, dass es euch Spass macht dabei.

Gefahr …

Kieselstein-Apple ist schon jetzt, wie Jobs seinen Anteilseignern vorrechnete, der grösste Mobilgerätehesteller der Welt: wenn man die MacBooks zu den Mobilgeräten dazuzählt. Vor den Giganten Sony, Samsung, Nokia. Das iPad aber ist das neue Mobilgerät. Nicht zuletzt wurde während der Keynote die eigentliche Katze erst ganz zum Schluss aus dem Sack gelassen: Das Gerät wird mit einem Dock angeboten (das es zum Standmonitor macht) und besitzt einen kabellosen Anschluss für eine Tastatur: kann also wie ein Notebook bedient werden.

War man bei Amazons Kindle schnell mit Kritik bei der Hand – beschränkter Zugang zu den Bibliotheken in Europa, «kann nur eBooks», zu enge Bindung an Amazon –, wird das Verbraucherurteil übers iPad lauten: That’s it. Zwar ist es 150 g schwerer und 3 mm dicker als Amazons Kindle. Aber es besitzt ein hochbrilliantes Farbdisplay (Kindle: 16, in Worten: sechzehn Graustufen …), kann browsen, mailen, spielen, organisieren (Adressbuch, Kalender), kann alle Bilder, alle Musik, alle Information verwalten – und synchronisiert sich am Ende eines schönen iPad-Tages mit iPhone und PC.

Jetzt wird niemand mehr, der noch bei Verstand ist, ein Kindle kaufen. Das iPad ist nur zehn Dollar teurer, hat aber Container-Ladungen an prall gefüllten Nikolaus-Säcken an Bord. Die vielen Süssigkeiten kosten zwar – doch who cares? Man ist ja brav und kauft. Und kriegt sie also alle. Kein Wunder, dass FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, Computer-Nutzer wie Computer-Kritiker («Payback») heute im DeutschlandRadio von einer «Zäsur» gesprochen hat – aber auch von der Gefahr, dass Apple nunmehr zum «grössten Verleger der Welt» werden könnte.

Ibrahim Evsan, Social Media-Experte, auf FAZ.NET: «Apple ist der neue Gatekeeper. Es geht um alles.»

… oder Chance?

Buchverlage bieten ihre Bücher noch nicht für iBooks an? Gemach. Die kommen. Nicht die Verlage bestimmen mehr, wo es digital langgehen wird – hier hat nun Apple das Sagen, und vorerst nur Apple. Auch das entsprechende Kapitel der Musikindustrie wurde von Apple geschrieben – und zugeklappt (iTunes).

Und die Verlage von Zeitungen und Zeitschriften? Schaut euch an, wieviel CDs und Vinyl heute noch verkauft werden – und womit die Musikindustrie, sofern man/frau sie nicht verschlafen liess, ihr Geld heute verdient. Gleiches kommt nun auf die Produzenten von Nachrichten zu. Es wird Frühling, und die Samen gehen jetzt sehr, sehr schnell auf. Noch einmal Schirrmacher: «Ich sehe die FAZ ohne Zweifel auf dem iPad.»

Ein stummer Zeitungsfrühling blüht (ok, das iPad hat eingebaute Umblättergeräusche), die Zeitungs-Rollen rollen aus, gerade mal, dass manches Papier, digital und lokal gedruckt, als persönliche Morgenpost per Fahrradkurier den Frühstückstisch erreicht (niiu). Allenfalls, wie Schirrmacher bemerkt, könne dem Papier die Funktion einer Antwort zukommen auf all die «profilierenden» E-Dienste: Wer Gedrucktes liest, kann nicht beobachtet werden.

Was folgt daraus für die Welt des Publishing? Früher hätte man den Verlegern alten Schlages vielleicht gern gesagt: «Schaut euch um nach warmen Sachen.» Heute muss die Botschaft lauten: «Zieht euch warm an.»

Jedenfalls: Wer einmal pro Woche ein gedrucktes Magazin kauft für sieben, acht Franken, gibt im Jahr 100 Franken aus: nur für dieses eine Magazin. Für wenig mehr, Kaufpreise auf vier Jahre hochgerechnet, bekommt man ein iPad und das deutlich herabgesetzte Magazin – und hat den Nikolaus-Container obendrauf.

Für die Künstler, die Schriftsteller, die Medien – für die wird es nicht eng. Die Menschen dürsten immer noch nach Neuem, nach Ungesehenem, nach Unbekannten. Nur für die, die das Neue auf alte Weise weiterverarbeiten durften («veredeln», wie man im heutigen Sprachgebrauch noch immer gerne zu sagen pflegt), für die wird es eng. Highway ’10 ist eingeweiht. Führt an den sich digital gebärdenden, aber doch nur analog ausliefernden Weiterverarbeitern vorbei.

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1 Kommentare

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Danke für diesen Kommentar!

Nirgendwo habe ich bis jetzt das Resumee für uns Print-Produzierenden so klar formuliert gelesen, wie hier.

Und wenn Bob Dylan sogar dem Abspielen des Stückes zugestimmt haben sollte (bei der Länge des Anspielens nicht klar erkennbar), dann sollte jeder verstanden haben:

Die alten Werte gelten nicht mehr.
Das meine ich wertfrei. Also bitte nicht Umdichten in: Verraten der Werte.
Web first. Und wenn Du als Konsument es momentan noch schöner bekommen/kaufen kannst: dann folgt analog.

Gedrucktes als Anfixer, um etwas im Web genauer zu lesen? Vergiss es seit vorgestern als Perspektive.
Web als Anfixer, um etwas Analoges in die Hand zu nehmen? Nur noch so lange, wie das Analoge schöner und tiefgründiger sein kann.
Die letzten Druckbastionen? Tech-Dok, Verpackung und was für Senioren?

Na, lieber Grafiker oder Layouter, liebe InDesignerin oder XPresslerin, wie musst Du Dein Layout in Zukunft aufbauen, dass es gut auf dem iPad gelesen werden kann?

Aber ob Apple als Sieger aus dieser Konsumschlacht hervorgehen wird, da bin ich mir nicht sicher. Denn es werden sich neue Allianzen bilden, bilden müssen.

Und ob der Konsument der Gewinner sein wird, das bezweifle ich ebenfalls.

Heiner

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